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Gasnachfrage: „Frieren für den Frieden“ lässt sich doch nicht so einfach umsetzen

Gerne hätten wir diesen Beitrag mit den Worten begonnen, dass wir seit dem 24. Februar 2022 einen drastischen Rückgang der Gasnachfrage im deutschen Marktgebiet THE feststellen. Gerne deswegen, weil die Abhängigkeit der Energieversorgung von Erdgas-Importen aus Russland sich wahrscheinlich erst nach mehreren Wintern über andere Bezugsquellen auflösen lässt.

 

In dem Beitrag geht es darum, wie es um die Entwicklung des Gasverbrauchs in Deutschland bestellt ist. Leider zeigen die aktuellen Gasverbrauchsdaten, dass (I) während der Krieg in der Ukraine andauert, sich der Gasverbrauch nur leicht verringert und zwar (II) vor allem bei Großverbrauchern. Gas fließt also weiterhin nach Deutschland und Geld fließt noch immer nach Russland. Das heißt, dass derzeit noch keine Lösung für die geopolitisch höchst unbefriedigende Position gefunden wurde.

historischer Erdgasverbrauch im deutschen Marktgebiet nach Verbrauchsgruppe, Modell-Erdgasverbrauch anhand der Heizgradtagszahl (HGTZ, Wie viel kälter war die tägliche Außentemperatur als 15°C?), angegeben als 30-tägiger Mittelwert des täglichen Gasverbrauchs [Quelle: Energy Brainpool mit Daten von THE (Verbrauchsdaten), Meteomatics (Tagesmitteltemperatur)], Energy Brainpool

Abbildung 1: historischer Erdgasverbrauch im deutschen Marktgebiet nach Verbrauchsgruppe, Modell-Erdgasverbrauch anhand der Heizgradtagszahl (HGTZ, Wie viel kälter war die tägliche Außentemperatur als 15°C?), angegeben als 30-tägiger Mittelwert des täglichen Gasverbrauchs [Quelle: Energy Brainpool mit Daten von THE (Verbrauchsdaten), Meteomatics (Tagesmitteltemperatur)]

Da Erdgas in Deutschland vor allem für den Wärmesektor genutzt wird, erklärt die Heizgradtagszahl einen Großteil der Verbrauchsschwankungen. Eine einfache lineare Regression über die HGTZ seit Oktober 2016 liefert bereits, mit einem Gütemaß von R2 = 92,5 Prozent, ein gutes Modell für den täglichen Erdgasbedarf in Deutschland (rote Linie in Abbildung 1).

Gasverbrauchsschwankungen außerhalb der Heizperiode kann ein Modell in dieser Form nicht erklären. Die saisonalen Schwankungen des Gasverbrauchs von Kleinverbrauchern, wie Haushalte und viele Gewerbekunden, (Standardlastprofil-/SLP-Kunden) sind besonders hoch. Dahingegen schwankt der Verbrauch von Großverbrauchern mit einer registrierenden Leistungsmessung (RLM) deutlich weniger mit dem Temperaturverlauf.

Hätte sich der deutsche Erdgasverbrauch seit dem Beginn des Ukraine-Krieges erheblich reduziert, so würde die Differenz aus dem tatsächlichen und dem aufgrund der Außentemperatur erwarteten Gasverbrauch deutlich negativer werden. Hätte, hätte, Fahrradkette… Seit Beginn des Ukraine-Krieges am 24. Februar ist die Differenz zwar negativ, die Abweichung ist im Vergleich mit den Abweichungen der letzten Jahre jedoch unauffällig. Das Fazit: Ein besonders sparsames Gasverbrauchsverhalten der Konsumenten lässt sich somit nicht feststellen.

kumulierter täglicher historischer Gasverbrauch nach Verbrauchstyp seit Jahresbeginn [Quelle: Energy Brainpool nach Daten von THE]

Abbildung 2: kumulierter täglicher historischer Gasverbrauch nach Verbrauchstyp seit Jahresbeginn [Quelle: Energy Brainpool nach Daten von THE]

Unterschiede zwischen Groß- und Kleinverbrauchern

Die Aufteilung des Gesamterdgasverbrauchs nach den Groß- und Kleinverbrauchern vereinfacht die Verortung der Erdgaseinsparung. Es wird deutlich, dass bisher Großverbraucher tendenziell Erdgas gespart haben. Deren Verbrauch zeigt sich schon seit Beginn der Energiepreiskrise im Herbst 2021 signifikant preissensitiver als die der Kleinverbraucher.

Die blaue Linie für 2022 in Abbildung 2 veranschaulicht den Unterschied. Der RLM-Gasverbrauch im Jahr 2022 ist verglichen zu den Vorjahren sehr niedrig. Obwohl bereits zu Beginn im Vergleichszeitraum mit dem Jahr 2020 – die erste Welle lief Corona-Pandemie auf Hochtouren – die wirtschaftlichen Tätigkeiten historisch niedrig waren.

Die Gasverbrauchsdaten zeigen, dass die derzeitige Energiekrise mit ihren hohen Erdgaspreisen bisher nicht dazu geführt haben, dass das Erdgaseinsparpotenzial im Wärmesektor in relevantem Umfang genutzt wurde. Aus sich selbst heraus spart die Mehrheit der Erdgasverbraucher im Zweifelsfall kein Erdgas. Ein „Frieren für den Frieden“ funktioniert noch nicht. Aus der Sicht von Energy Brainpool kann das technische Einsparpotenzial nur durch durchgreifende energiepolitische Maßnahmen erschlossen werden.

 

2 Kommentare

  1. Julius Naser

    17. Juni 2022

    Sehr guter Beitrag! Eine Frage zu der Herkunft der Verbrauchsdaten: Entnehmen Sie diese dem öffentlichen Market Area Monitor von THE oder aus einer anderen Quelle?

    Vorschlag für einen nächsten Blogbeitrag: Die Stromerzeugung aus Gaskraftwerken scheint trotz der enorm gestiegen Gaspreise relativ hoch. Da wäre Ursachenforschung sehr interessant. Liegt es an überdurchschnittlichen Revisionen der anderen fossilen Kraftwerke, reduzierte Kapazität im Ausland (AKWs in Frankreich z.B.) oder anderen Gründen.

    Vielen Dank!

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