In den letzten Monaten wurden immer neue Rekord-Zulassungswerte für Elektroautos verzeichnet. Wie diese Entwicklung genau aussah, welche Auswirkungen die neue Abgasreform auf E-Mobilität haben wird und, ob mehr Ladesäulen oder mehr E-Autos benötigt werden, um die Ziele der Bundesregierung zu erreichen – all das wird in diesem Beitrag erklärt.

Elektroauto an Ladestation (Quelle: Pixabay/geralt)
© Pixabay: geralt

In Jahr 2020 wurden so viele Elektrofahrzeuge wie nie zuvor in Deutschland zugelassen. Dieser Trend zur E-Mobilität ließ sich schon seit Beginn des Jahres beobachten, jedoch hat der Ausbruch der Corona-Pandemie zu einem kurzzeitigen Rückgang der Neuzulassungen geführt (Quelle: electrive).

Neuzulassungen in 2020 auf Rekordhöhe

Seit Juli 2020 werden, wie sich Abbildung 1 entnehmen lässt, fast monatlich neue Rekordwerte gemessen.

Zuletzt wurden im November 28.965 reine Elektrofahrzeuge zugelassen. Allerdings waren 2020 bis jetzt nur etwa vier Prozent der gesamten Zulassungen rein elektrische Fahrzeuge. In unserem Blogbeitrag vom August 2020 besprechen wir diese Entwicklungen detailliert.

Interessant ist, dass aus Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) ersichtlich wird, dass alle Marken ein Minus an Neuzulassungen von etwa 3 bis zu 70 Prozent im Vergleich zum Zeitraum Januar–November 2019 verzeichnen. Einzige Ausnahme hierbei ist Tesla mit einem Plus von 37,2 Prozent. Dieser Unterschied lässt sich dadurch erklären, dass nur Tesla rein elektrische Fahrzeuge anbietet. Die anderen Fahrzeughersteller mussten aufgrund der Corona-Pandemie Einbußen im normalen Geschäft hinnehmen.

BMW reagiert ebenfalls auf diesen erkennbaren Großtrend E-Mobilität: Künftig werden sich die Mitarbeiter im Werk in München auf die Montage von Elektrofahrzeugen konzentrieren. Ein neues Montagewerk hierfür wird bis 2026 in Betrieb gehen. Ebenfalls soll bis Mitte 2022 jedes deutsche Werk mindestens ein vollelektrisches Auto produzieren. Tabelle 1 zeigt, welches BMW-Werk zukünftig welches Modell fertigen soll. Die Fertigung von Diesel- und Benzinmotoren wird in Zukunft aus Deutschland nach Österreich und Großbritannien verlegt.

BMW-Werke und dort zukünftig montierte Modelle, Energy Brainpool, E-Mobilität

Tabelle 1: BMW-Werke und dort zukünftig montierte Modelle

Werden E-Autos durch neue Abgasregeln wettbewerbsfähig?

Im Jahr 2022  wird die EU-Kommission über die Abgasnorm Euro 7 entscheiden. Die Advisory Group on Vehicle Emission Standards, ein Expertengremium, hat Vorschläge dazu gemacht (Quelle: EU-Kommission). Die Veränderungen der Normen sind vielfältig.

Laut Aussagen der Studie der Advisory Group on Vehicle Emission Standards dürfen künftig, je nach Szenario, nur noch 10/30 mg Stickoxide/km ausgestoßen werden. Dazu sollen die Regeln beim Testen verschärft werden; die Temperaturspanne, in der die Werte eingehalten werden müssen, vergrößert sich. Gleichzeitig gibt es keinen Kaltstart Bonus und keine Höhenbeschränkung mehr.

Außerdem sollen auch Szenarien des Stadtverkehrs wie kurze Strecken, Stop-and-Go Teil des Tests werden. Die Grenzwerte müssen nun auch über 240.000 km eingehalten werden. Zuletzt soll es keine Messtoleranzen mehr geben. Manche interpretieren die empfohlenen stark verschärften Regeln für Verbrenner als Todesstoß. Manche plädieren dafür, dass die technische Machbarkeit klar gegeben ist: Einige Autos unterbieten bereits heute die 30 mg Marke. Sicher ist, dass durch strengere Normen und die damit verbundenen hohen Kosten in Forschung & Entwicklung elektrische Autos wettbewerbsfähiger gegenüber Verbrennern werden können.

Ladesäulen und E-Autos: Ein Henne-Ei-Problem?

In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Anzahl an öffentlichen Ladestationen in Deutschland auf über 33.100 Ladestationen deutlich mehr als verfünffacht (Quelle: electrive). Dies ist eindrücklich in Abbildung 2 zu erkennen.

Anzahl an öffentlichen Ladesäulen in Deutschland 2015 bis 2020 (Quelle: Energy Brainpool), E-Mobilität

Abbildung 2: Anzahl an öffentlichen Ladesäulen in Deutschland 2015 bis 2020 (Quelle: Energy Brainpool)

Allein in den letzten sechs Monaten sind etwa 5.300 Ladesäulen dazu gekommen, ein Plus von 19 Prozent. Elektroautos haben im letzten Jahr einen Zuwachs von über 360 Prozent verzeichnet, sodass es aktuell 240.000 rein elektrische Fahrzeuge und noch einmal 200.000 Plug-in-Hybride auf deutschen Straßen gibt.

Trotz dieses starken Wachstums auf beiden Seiten sind die formulierten Ziele der Bundesregierung noch weit entfernt. Bis 2030 soll es 1 Million öffentliche Ladepunkte und 10 Millionen Elektroautos geben. Ein Verhältnis von 1:10, welches als ideal angesehen wird. Aktuell liegt das Verhältnis bei etwa 1:13, Tendenz steigend. Eine vom Bundesverkehrsministerium in Auftrag gegebene Studie ergibt ähnliche Dimensionen. Man geht von bis zu 14,8 Millionen E-Autos bis 2030 aus, die je nach Szenario und Anteil an Schnellladesäulen 440.000–843.000 Ladestationen benötigen würden.

Um das Ziel der Bundesregierung zu erreichen, müsste es aktuell einen Zuwachs von 2000 neuen Ladepunkten pro Woche geben. Dieser Zubau ist jedoch derzeit nicht absehbar.

Ob es mehr Ladesäulen braucht, um die steigende Anzahl an Elektroautos zu bedienen oder ob es mehr Elektroautos braucht, um die bestehende und wachsende Anzahl an Ladesäulen auszulasten und somit wirtschaftlich zu machen, darüber gibt es verschiedene Meinungen. Laut Verband der Automobilindustrie (VdA) müsste es für die aktuelle Anzahl an Ladestationen 310.000 mehr reine Elektroautos geben als jetzt. Damit der Anteil an E-Autos auch entsprechend wachsen kann, bedarf es allerdings laut Volkswagen deutlich mehr öffentliche Ladestationen, um eine ausreichende Stromversorgung sicher zu stellen (Quelle: electrive). Es kommt zu einem Henne-Ei-Problem.

Milliardenpaket für Automobilbranche

In der aktuellen Corona-Krise hat der Gesetzgeber die Automobilbranche großzügig unterstützt. Im Juni 2020 wurde neben einem Zwei-Milliarden-Paket für die Zulieferbranche eine Verdopplung der Kaufprämie für E-Autos und Hybride beschlossen, welche eine deutliche Wirkung zeigte. Jetzt haben die Verantwortlichen beim Autogipfel im November 2020 erneut ein Drei-Milliarden-Euro schweres Konjunkturpaket geschnürt. Jeweils eine Milliarde ist vorgesehen für Kaufanreize für E-Autos, Abwrackprogramme für alte Lkw und für Zukunftsfonds. Es ist zwar ein großer Teil der Hilfen für Elektromobilität vorgesehen, aber trotzdem zielen einige der Hilfen auch auf Verbrenner ab.

Weitere Förderung für Ziele der Regierung notwendig

Falls es bei derzeitigem Zulassungsniveau von knapp 29.000 Elektroautos monatlich bleibt, wird es etwa 28 Jahre dauern, bis 10 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen unterwegs sind. Dies wären 20 Jahre mehr als angepeilt. Daher scheint es unrealistisch, dass die Bundesregierung ihre Ziele ohne weitere Förderung erreichen werden. Analysten von Deloitte haben in einer Studie berechnet, dass bis 2030 wahrscheinlich eher 6,35 Millionen erreicht werden, also fast 4 Millionen weniger (Quelle: Deloitte).

Klar ist, den Trend hin zur E-Mobilität haben auch die deutschen Fahrzeughersteller erkannt und die Platzierung neuer Modelle wird in den nächsten Jahren zunehmen. Der koordinierte Ausbau der Ladeinfrastruktur sowie weitere staatliche Förderungen werden jedoch voraussehbar weiterhin eine große Rolle beim Umbau des motorisierten Personenverkehrs spielen.

Autoren: Naemi Schink, Simon Göß